Das ist der erste, spontan niedergeschriebene Eindruck von der heutigen Palästina-Soli-Demo in Berlin. Flüchtigkeitsfehler bitte ich zu entschuldigen. Ich versuche auch, die Dinge so wenig wie möglich zu kommentieren, sondern erstmal nur zu berichten (ganz am Ende geht das leider nicht...)
13.30 Uhr, Berlin, Alexanderplatz. Um 14 Uhr soll hier eine Demo unter dem Slogan „Schluss mit der Besatzung – Solidarität mit Palästina“ starten. Etliche hundert Menschen sind schon da. Die beherrschenden Farben sind grün-weiß-rot-schwarz, überall Palästinenserfahnen in den verschiedensten Größen. Wichtigstes Accessoire: Das Pali-Tuch, praktischerweise wird es an der Ecke für Last-Minute-TeilnehmerInnen noch verkauft. Auffallend viele Frauen und Kinder sind dabei, aber auch die „üblichen Verdächtigen“ wie Linksruck, Spartakist und die DKP. Auf den Spruchbändern Parolen wie „Besatzung löst keine Probleme – Besatzung ist ein Verbrechen“, „Achse des Bösen: Bush, Sharon, Fischer“, „Stoppt das Töten unserer Kinder“, „Israel: Kindermörder!!!“, „Schaut auf Dschenin“ und „Stoppt die Massenhinrichtungen“. Aber auch historische Vergleiche werden auf den Transparenten hergestellt: „Stoppt Sharons Endlösung“, „Lasst keinen zweiten Holocaust zu“, „Zionisten die wahren Rassisten“, „Guernica, Djenin und die Welt schaut zu“, „Er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus ... und dann folgt eine kleine israelische Flagge“ und „Der Geist von Auschwitz schwebt über Palästina“.
Während ich Fotos mache, werden einige Reden gehalten. Leider ist die Anlage so schwach, dass wenig zu verstehen ist. Bei den Vorkontrollen wird ein Transpi einkassiert, auf dem außer dem David-Stern auch ein Hakenkreuz zu sehen war. Als ich mit fotographieren fertig bin, ist gerade ein Redner dabei, die Intifada mit dem Aufstand im Warschauer Getto zu vergleichen. Und er fordert Israel auf, seine Politik zu überdenken, weil dadurch der Hass auf Juden geschürt würde – die Juden also selbst dafür verantwortlich sind. Danach folgt Wolfgang Gerke von der PDS, der nach meiner Wahrnehmung als einziger neben Solidarität mit Palästina auch Kritik an den Selbstmordattentaten äußert und das Recht auf einen Staat Israel unterstreicht. Beifall bekommt er dafür aber keinen.
Gegen 14.40 Uhr geht die Demo los, die Karl-Liebknecht-Straße runter Richtung Brandenburger Tor. Die lautesten Parolen: „Intifada bis zum Sieg“, „Palästina bis zum Sieg“, „Kindermörder Israel, Frauenmörder Israel“, „Sharon ist – ein Mörder und Faschist“. Es sind inzwischen etliche tausend Menschen, es ist aber schwer einen Überblick zu bekommen, weil die Demo so lang ist.
An der Ecke Spandauer Straße um 15 Uhr ein erster kleiner Zwischenfall. Ein älterer Mann regt sich auf, was für Parolen gerufen werden. Er redet auf einen Polizisten ein, dass sie bei Hakenkreuz-Fahnen (die nirgends zu sehen sind) einschreiten müssten. Sofort kommen zwei, drei jugendliche Männer aus der Demo auf ihn zu und drohen ihm, der sichtlich gebrechlich ist, Schläge an. Ordner gehen dazwischen und bewegen den älteren Mann, doch etwas weg zu gehen. Die Stimmung ist extrem aggressiv.
Dann, wenige Meter weiter, muss die Demo über eine Spree-Brücke. Die Polizei hat den Blick nach Norden dicht mit Polizeiwannen versperrt. Doch am Ende der Brücke ist eine Lücke in der Absperrung. Sofort sammelt sich eine große Gruppe der Demo dort an und beginnt zu brüllen – eine Brücke weiter haben GegendemonstrantInnen ein großes Transparent befestigt: „Solidarität mit Israel – Gegen den antisemitschen Terror und seine SympathisantInnen“. Daneben ein kleineres Transpi: „Nieder mit dem völkischen Wahn – Solidarität mit Israel“. Die Stimmung ist explosiv. Mehrere Männer zeigen den Hitlergruß auf die andere Seite, „Judenschweine“ wird gerufen. Ein Jugendlicher sagt zu einem anderen grinsend: „Schickt die Frauen weg, jetzt geht’s zur Sache.“ Eine Israel-Fahne wird ausgepackt und angezündet. Der Hass ist geradezu greifbar, arabische Sprüche werden gerufen. Die Polizei, die gerade mal mit einer Handvoll Leuten vor Ort ist, und die Ordner versuchen, die Leute zum weitergehen zu bewegen. Vergeblich. Plötzlich gibt es ein Handgemenge mit einem Zivi-Bullen, die Uniformierten greifen ein, es geht ein bisschen hin und her. Gegen 15.20 Uhr zieht die Gruppe dann doch weiter.
Aber an der nächsten Kreuzung, hinter dem Berliner Dom, das selbe Spiel. Die Gruppe versucht nach rechts abzubiegen, in Richtung der Gegendemo. Es sind kaum Polizisten vor Ort, vielleicht ein Dutzend. Die versuchen mit Hunden und Ordnern die Menge abzudrängen. Ein Ordner spricht über den Lautsprecherwagen der Polizei und versucht die Leute zu beruhigen und zum Weiterdemonstrieren zu bewegen. Nur sehr zaghaft gelingt das.
Und dann, 15.35 Uhr auf der Straße „Unter den Linden“, ziemlich genau vor der Humboldt-Uni: Die Gruppe, die vorhin durchbrechen wollte, skandiert zuerst „Wir wollen keine – Judenschweine“. Unter Anleitung eines Vorpeitschers, dann wechselt der Spruch: „Heil, heil, heil Hitler“. Vier-, fünfmal wird das gerufen. Von der Seite eilen Ordner heran, reden auf die Schreienden ein. Der Slogan ändert sich wieder zu „Sharon ist – ein Mörder und Faschist“. Ich frage einen Ordner, warum sie das rufen, versuche ihnen zu erklären, warum es für Deutsche unmöglich ist, sich mit Positionen zu solidarisieren, die es zulassen, dass in Berlin, Unter den Linden, die selben Sprüche wie nach 1933 gerufen werden. Er zuckt mit den Schultern, entschuldigt sich für Irre, die es immer gebe, und sagt dann: „Außerdem haben die Veranstalter extra gesagt, dass solche Sachen hier nicht gerufen werden sollen.“ Hier? Und sonst? Und gedacht? Das Gespräch ist leider mit einer nochmaligen Entschuldigung zuende.
Die Stimmung ist immer gereizter. Palitücher werden zur Vollvermummung, die Polizei hält sich zurück. An der Abbiegung zur US-Botschaft wieder ein Scharmützel. Der Zugang ist zwar mit Wannen zugeparkt, aber es fliegen ein paar Stöcke und Flaschen, die Polizei schubst etwas zurück, bleibt aber für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich passiv. 15.45 Uhr. Unter „Wir wollen keine- Judenschweine“-Rufen wird eine weitere israelische Fahne verbrannt. Dann zieht man weiter.
Vor dem Brandenburger Tor geht es links die Wilhelmstraße runter. Hier ist die britische Botschaft. Ein kleines Arreal davor ist mit Sperrgittern abgezäunt, dahinter stehen vielleicht ein Dutzend Polizisten. Die Gitter werden rasch umgerissen, von Zivi-Bullen wieder notdürftig aufgerichtet, die Menge sammelt sich vor dem Eingang an. Steine und Flaschen fliegen gegen den Glasvorbau. Sprünge in der Glaswand, aber keine Löcher. Johlen, Klatschen, Rufe, ein infernalischer Lärm. Die Polizei tut – nichts. Immer mehr Steine fliegen, ein ununterbrochenes Tock, tock, tock. Plötzlich zeigt ein etwäs älterer Mann auf mich und sagt zu mir, ich sei Polizist. Ich solle aus der Demo verschwinden. Ich versuche ihm meinen Presseausweis zu zeigen, aber er schreit immer wieder „Raus! Raus!“. Ein paar andere sammeln sich rund um mich, etwas mulmig wird mir schon. Raus ist außerdem nicht so einfach. Rechts sind die Reste der Absperrgitter, von hinten drückt der Rest der Demo.. Was tun?
Plötzlich schreit mich ein vielleicht 12-jähriger Junge an: „Bist Du Jude?“ Ich sage gar nix, bin völlig konsterniert. „Bist Du Jude?“ Nochmal. Er grinst, aber wirklich nicht freundlich. Ich gehe ein paar Schritte zurück, sage irgendwie „Nein“, völlig blöd, wie komme ich dazu, auf so eine Frage zu antworten – noch dazu so? Es ist schlicht ein bisschen Angst. Eine Hand von der anderen Seite der Absperrung fasst mir auf die Schulter, ein Ordner: „Komm hier rüber, is besser, die sind verrückt.“ Ich klettere über die Absperrung und verfolge von da, wie der Steinhagel weiter gegen die Botschaft prallt. Irgendwann kommt ein weiterer Zug Polizei, aber sie stellen sich ebenfalls nur vor die Botschaft. Erst als die Steine etwas tiefer fliegen und auch die Polizisten treffen, rennen sie nach vorne, schubsen, schlagen, treten alles zur Seite. Ein Junge weint in den Armen seines Vaters, die Polizisten haben ihn geschlagen, sagt er.
16.10 Uhr. Die Demo zieht dann weiter, Richtung Postdamer Platz, ist aber weit auseinander gerissen. Ich gehe noch mit, aber mir geht nur der eine Satz durch den Kopf: „Bist Du Jude?“
Quelle: Indymedia Deutschland [Originalbeitrag]